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Auf Besuch bei Anthony – @Sean Ross Abbey, Roscrea

14. November 2014 4

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Sicher kennst du folgende Situation. Du hast dich mit einer Geschichte beschäftigt, ein Buch darüber gelesen oder einen Film über ein Thema gesehen. Plötzlich hast du die Möglichkeit den Originalschauplatz dieser Story zu besuchen. Ist es eine tragische Geschichte wie in diesem Fall willst du eigentlich gar nicht hin, aber du musst es einfach mit eigenen Augen sehen. Uns ging es im Herbst 2014 so. An einem typisch irischen, Herbsttag, an welchem sich Regen und Sonne in schneller Folge wechselten, besuchten wir die Sean Ross Abbey bei Roscrea.

Der Name Sean Ross Abbey steht für viel Leid und Trauer. Unglaublich tragische Geschichten ereigneten sich vor allem in der Zeit von 1950 – 1970 in den Gemäuern eines Hauses, welches ursprünglich als Herrenhaus gebaut wurde. Das Haus wurde im frühen 20. Jahrhundert als “Mother and Baby Home” durch die Nonnen des Ordens “The Sisters of the Sacred Hearts of Jesus and Mary” geführt. Damals wurden in Irland unverheiratete Mädchen, welche schwanger wurden, zur Strafe und um Busse für ihre Sünden zu tun in Kloster geschickt. Viele junge Mädchen, wie im Falle der Philomena Lee, wurden von der Familie auf anraten der Nonnen und Priester angeworben. Für eine Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf schien der Gang ins Kloster im damals mausarmen Irland eine tolle Alternative zu einem Leben in Armut. Das die Mädchen praktisch ohne Lohn stundenlang in der Wäscherei und auf dem Acker schuften mussten, dürfte im Gespäch mit den Eltern kaum erwähnt worden sein.

Sean Ross Abbey, Philomena und Anthony

Eines dieser vielen Schicksale ereilte Philomena Lee. Die damals siebzehnjährige wurde von ihrem alleinerziehenden und mit sechs Kindern völlig überforderten Vater nach Roscrea geschickt. Auf einem Rummelplatz lernte Philomena einen Jungen kennen und wurde von ihm schwanger. Anthony, wurde in Sean Ross geboren und kam mit drei Jahren nach Amerika. Seine Spur verlor sich, da die Adoptionsakten in allen dieser tragischen Fällen bis heute geheim sind.

Corville House, Sean Ross Abbey, St. Anne’s

So stehen wir also vor einem verschlossenen, weissen Tor Nahe Roscrea und denken bereits an die Option es sein zu lassen und umzukehren. Mit bedienen der Gegensprechanlage könnten wir wohl um Einlass erbitten. Wir kommen uns aber blöd vor dies zu tun. Was wollen wir denn auch sagen? Hallo, wir möchten uns mal kurz euren Friedhof mit den Babys ansehen? Wir parkieren also vor dem Tor und passieren dieses mittels dem offenen Personendurchgang. Auf Höhe der Lodge tritt eine der Nonnen aus der Tür. In der Hand eine Art Eimer. Der soll wohl für die Spenden sein. Vielleicht sammelt sie ja für ein Schwimmbad? Mir auch egal, da ich sowieso gerade kein Wasser dabei habe.

St. Annes / Corville House Heute werden auf dem Gelände von St. Annes Kinder und Jugendliche mit Behinderungen gepflegt und versorgt. Früher verkaufte man Babies, machte mit ihnen Medikamentenexperimente oder verscharrte sie namenlos auf einer Wiese

Die gute Frau meint, ob wir wegen des Films hier seien und das Grab sehen wollen. Mit dem Film meint sie besagten Streifen “Philomena”, dem Grab dasjenige von Michael A. Hess. So hiess Anthony nach seiner Adoption in den USA. Wir sollen uns nur ruhig umsehen. Das Grab sei unübersehbar mit einer Flagge der Vereinigten Staaten geschmückt. Wenn wir zurückkommen, sollen wir doch auf einen Tee hereinkommen.

Wir schauen uns also erst mal um und laufen über das riesige Gelände. Der Komplex heisst heute St. Anne’s und bietet eine Einrichtung für behinderte Kinder. Ob man dies aus reiner Wiedergutmachung tut um frühere Verbrechen vergessen zu machen? Ich kann es nicht beurteilen. Froh bin ich aber einige Schritte gehen zu können um mein aufkommendes Wütchen abzukühlen, einfach weg von der Nonne. Ich empfand sie als eine Heuchlerin.

Das Haupthaus (Corville House) ist ein zweigeschossiges, braunes Gebäude mit neuen Fenstern umrahmt mit weissem PVC. Heutzutage scheint man auf gute Isolierung zu achten. Früher dürfte dies kaum interessiert haben und die Temperatur im Innern unangenehm kühl gewesen sein. Etwa so kalt wie die meisten der Nonnen, welche mit ihrem „gesegneten Herzen“, die gefallenen Mädchen bei jeder Gelegenheit erniedrigten.

Sean Ross Abbey in Roscrea Das Hauptgebäude auf dem Gelände von St. Annes ist das Corville Haus. Früher wurde die Anlage Sean Ross Abbey

Wir schauen uns weiter auf dem Gelände um. Viele Wege führen aber lediglich zu Toren und Gattern welche als “Privat” gekennzeichnet sind. Der Zugang zum Friedhof mit den hunderten Gräbern mit unbekannten Kindern (Angels Plot) ist nicht gewährt oder zumindest kommen wir an diesem Tag nicht dazu. Die Engel müssen warten.

Was wir auf dem Rundgang entdecken ist die angesprochene Flagge der USA, welche auf einer kleinen Erhebung oberhalb der Strasse neben einem schwarzen Grabstein steckt. Es ist das Grab von Michael A. Hess, geboren als Anthony der Philomena Lee am 5. Juli 1952 in der Sean Ross Abbey, Roscrea. Ein Mann aus zwei Nationen und vielen Talenten, steht in Stein gehauen. Das Grab ist mit schönen, frischen Blumen geschmückt und einige Leute haben kleine Beigaben wie persönliche Briefe, Karten und Schmuck hingelegt. Jemand hat auf dem Stein einen Schokoladenriegel aus Caramel platziert. Ob, Anthony diese so gerne mochte? Wir wissen es nicht. Vieles aus seinem Leben wird auch seine leibliche Mutter nie in Erfahrung bringen können. Als Philomena zusammen mit dem Reporter Martin Sixsmith die Spur nach Anthony aufnahm, war dieser bereits einige Jahre verstorben. Gesichert ist, dass auch Michael zu Lebzeiten seine Mutter und seine Wurzeln in Irland versucht hat ausfindig zu machen.

Anthony, Sohn der Philomena Lee Michael wurde im Jahr 1952 als Sohn der Philomena Lee in Roscrea geboren. Mit drei Jahren wurde er illegal adoptiert und wuchs so in Amerika auf. Seine leibliche Mutter fand ihn erst lange nach seinem Tod mit Hilfe des Reporters Martin Sixmith

Wir halten Inne und beschliessen Still den Ort zu verlassen. Die Nonne beim Eingang hat wohl andere Opfer fürs Teetrinken gefunden. Die Türe der Lodge ist zu und niemand zu sehen. Ist mir nur recht so. Nachdenklich verlassen wir Sean Ross Abbey.

Die irische Regierung sowie die katholische Kirche haben sich bis heute trotz aller Bekräftigungen nicht dazu durchringen können die Adoptionsfälle aufzuklären. Auch wurde es bisher versäumt die ehemaligen Sklavinnen (anders kann man es nicht sagen) aus den sogenannten Magdalenen Wäschereien aus einem Fonds zu entschädigen. Mehr über diese Geschichten mit umfangreichem Zahlenmaterial kannst du in einem Report von „Adoption Right Now“ nachlesen kannst. Mich hat dieser Bericht schockiert. Seit 1922 wurden in Irland über 100’000 Babies illegal zur Adoption freigegeben. Alleine der Orden der „Sisters of the Sacred Hearts of Jesus and Mary“ ist für 2’500 – 3’500 tote Babies verantwortlich. Davon sind Schätzungen zufolge 1’200 alleine auf dem Gelände der Sean Ross Abbey begraben. Namenlos, ungetauft. Verschart wie totgefahrene Strassenköter. Im oben genannten Report ist auch die Rolle von Eamon de Valera beschrieben. Er, in New York als uneheliches Kind geboren, hat als irischer Premierminister dafür gesorgt, dass katholische Organisationen wie die Sacred Hearts zu Geld kamen. Sein Ziel war es, dass Irland ein katholischer Vorzeigestaat in Europa wird. Auch ist zu lesen, dass in den 1930er Jahren Impfversuche an den Babies vorgenommen wurde.

Anthony Lee, Sohn der Philomena Ruhe in Frieden, Anthony.

Im nächsten Blogpost konzentrieren wir uns wieder auf die schönen Dinge in Irland. Dieses Thema wird mich aber hier noch weiter beschäftigen, da bleibe ich dran. Unser Besuch von Sean Ross Abbey soll dazu dienen, dass du dir der Dinge welche in Irland passiert sind bewusst wirst. Ich hoffe, dass auch du dich für das Thema interessierst und bei Gelegenheit Plätze wie Sean Ross in Roscrea besuchst. Dieses Thema darf nicht einfach nicht angesprochen oder unter den Tisch gekehrt werden. Die Opfer von damals sollen heute Gerechtigkeit erlangen um ihren Frieden finden zu können.

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4 Kommentare

  • Ich habe über diese traurige leider wahre Geschichte erst durch diesen Film „Philomena „ auf Amazon Prime erfahren. Es macht mich wütend, traurig und enttäuscht mich gleichzeitig dass für solch Verbrechen absolut keine Konsequenzen gibt. Hier wurden junge Mädchen wie Sklaven behandelt, ihre Kinder verkauft, bzw sterben lassen. Es schockiert mich. Aber es schockiert mich noch mehr, leider immer wieder ... diesmal Nonen, dass die sowas böses Taten ! Die eingenich Religiöse- und Gottes - Vorbild sind.

    Bin nur sprachlos und enttäuscht 😔

    Vielen Dank Reto für deinem Bericht

    Grüße Cristina
  • Das ist leider so. Im Namen der Religion ist viel unrecht geschehen. Und es passiert weiterhin. Egal in welcher Religion.

    Entäuschend ist auch, dass weder die Katholische Kirche noch der irische Staat hier an einer vollständigen Aufklärung und Wiedergutmachung (was natürlich auch nicht möglich ist) interessiert sind. Alles wird nach wie vor unter dem Deckel gehalten. Leute, welche die Initiative ergreifen und Aufklärung fordern werden dann gerne als Nestbeschmutzer angeschaut. Leider in Irland in vielen Dingen der Fall.

    Ich bin froh, gibt es Filme wie „Philomena“, damit einer breiten Öffentlichkeit diese Geschehnisse für immer in Erinnerung bleiben oder überhaupt darauf Aufmerksam gemacht wird.

    Grüne Grüsse
    Reto
  • Hab grad endlich den Film gesehn, nachdem er ewig auf meiner Amazon watchlist stand.
    Im Abspann laß ich Roscrea hab's gegoogelt und landete hier....
    Ich komm aus der Nähe von Nürnberg und hab Freunde in der Schweiz “parkieren“ hats verraten ;)
    und Reto ist auch typisch schweizerisch find ich... wenn man positive Erfahrungen gesammelt hat und sowas bemerkt - stimmt einen das ebenso positiv und erweckt Sympathie die Sache mit dem schweizerischen... 😅
    so etz aber genug des Süßholzgeraspels hier -
    voll ausgeartet -
    eigentlich wollte ich schreiben:
    Toller Beitrag!
    Das ist wichtig, dass die Menschen sowas nicht vergessen,damit sowas Schlimmes nie wieder passiert.... das ist Geschichte und wenn man die Welt bereist, dann ist es wichtig die Orte mit sammt ihrer Geschichte zu erkunden! ☝
    Danke dafür ✌
    Schöne Grüße
    Katharina :)
  • Hi Katharina

    Danke für deinen lieben Kommentar. Ja, Reto ist typisch schweizerisch. Wenn auch nicht gerade weit verbreitet.

    Es darf nie wieder passieren. In diesem Falle müsste zuerst aber auch jeder einzelne Fall geklärt werden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen und die Opfer entschädigt werden. Leider ist da auch der irische Regierungsaparat nicht im Stande hier zu helfen. Im Gegenteil. Die Vorkommnisse werden möglichst unter dem Deckel gehalten.

    Gut gibt es Leute hier, welche das Thema immer wieder aufbringen und für Gerechtigkeit kämpfen. Das Gute wird hoffentlich eines Tages siegen.

    Grüne Grüsse
    Reto

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